Hermann und Dorothea ist ein Epos in neun Gesängen. Zwischen dem 11. September 1796 und dem 8. Juni 1797 entstanden, lag es im Oktober 1797 im Erstdruck vor. Die Gesänge tragen die Namen der antiken griechischen Musen.
Die Mutter sucht Hermann im hauseigenen Weinberg. Als sie ihn auf der Bank unter dem Birnbaum findet, da „sieht sie ihm Tränen im Auge“. Der trotzige Sohn will nicht wieder nach Hause kehren, sondern in den Krieg ziehen. Die Mutter versucht, ihm das auszureden.
»Mutter«, sagt' er betroffen, »Ihr überrascht mich!« Und eilig
trocknet' er ab die Träne, der Jüngling edlen Gefühles.
»Wie? Du weinest, mein Sohn?« versetzte die Mutter betroffen;
»daran kenn ich dich nicht! Ich habe das niemals erfahren!
Sag, was beklemmt dir das Herz? Was treibt dich, einsam zu sitzen
unter dem Birnbaum hier? Was bringt dir Tränen ins Auge?«
Und es nahm sich zusammen der treffliche Jüngling und sagte:
»Wahrlich, dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzo
nicht die Not der Menschen, der umgetriebnen, empfindet;
Dem ist kein Sinn in dem Haupte, der nicht um sein eigenes Wohl sich
und um des Vaterlands Wohl in diesen Tagen bekümmert.
Was ich heute gesehn und gehört, das rührte das Herz mir;
und nun ging ich heraus und sah die herrliche weite
Landschaft, die sich vor uns in fruchtbaren Hügeln umher schlingt,
sah die goldene Frucht den Garben entgegen sich neigen
und ein reichliches Obst und volle Kammern versprechen.
Aber, ach! Wie nah ist der Feind! Die Fluten des Rheines
schützen uns zwar; doch ach! Was sind nun Fluten und Berge.
Jenem schrecklichen Volke, das wie ein Gewitter daher zieht!
[…]
Da antwortete drauf die gute Mutter verständig:
»Sohn, mehr wünschest du nicht, die Braut in die Kammer zu führen,
dass dir werde die Nacht zur schönen Hälfte des Lebens
und die Arbeit des Tags dir freier und eigener werde,
als der Vater es wünscht und die Mutter. Wir haben dir immer
zugeredet, ja dich getrieben, ein Mädchen zu wählen.
Aber mir ist es bekannt, und jetzo sagt es das Herz mir:
Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechte
Mädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten,
und es wirket die Furcht, die falsche zu greifen, am meisten.
Soll ich dir sagen, mein Sohn, so hast du, ich glaube, gewählet,
denn dein Herz ist getroffen und mehr als gewöhnlich empfindlich.
Sag es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die Seele:
Jenes Mädchen ist's, das vertriebene, die du gewählt hast.«
»Liebe Mutter, ihr sagt's!« versetzte lebhaft der Sohn drauf.
»Ja, sie ist's! Und führ ich sie nicht als Braut mir nach Hause
heute noch, ziehet sie fort, verschwindet vielleicht mir auf immer
in der Verwirrung des Kriegs und im traurigen Hin- und Herziehn.
Mutter, ewig umsonst gedeiht mir die reiche Besitzung
dann vor Augen, umsonst sind künftige Jahre mir fruchtbar.